Vorwort

Vorwort

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§ Cc4

Marcus Ventzke

FĂŒhlen Sie sich wohl in der heutigen Welt? Leben Sie in einem angemessenen VerhĂ€ltnis von Belastung und Beruhigung? FĂŒhlen Sie Sicherheit, Planbarkeit und mit Blick auf die Zukunft Optimismus? Sind Sie zuversichtlich, wenn Sie daran denken, wie das Leben in unserer Gesellschaft weitergeht – nĂ€chstes Jahr oder in 10 Jahren? Können Sie die Werte leben, von denen Sie ĂŒberzeugt sind? Erreichen Sie Ihre Ziele und finden Sie die Welt sinnvoll eingerichtet?
Oder fĂŒhlen auch Sie sich zunehmend gehetzt von all den immer rascher auf uns einstĂŒrmenden Änderungen – der ĂŒbermĂ€chtigen Digitalisierung, des rasanten wirtschaftlichen Wandels, der nie eine Pause nötig zu haben scheint und der zunehmenden Individualisierung, die sich in zum Teil verwirrenden Lebensweisen und Wertewelten ausdrĂŒckt?

Wie und wo finden Sie GlĂŒck, innere Sammlung und Ruhe in dieser beschleunigten, oftmals ĂŒberfordernden und nicht selten absolut widersprĂŒchlichen Welt?

Dass ihnen etwas fehlt und dass etwas grundsĂ€tzlich nicht in Ordnung ist, spĂŒren sehr viele Menschen, aber sie können oftmals nicht benennen, worum es sich dabei handelt. Sich (neu) zu finden kommt uns hĂ€ufig nahezu unmöglich vor, weil wir so gefangen sind in den nun einmal eingefĂŒhrten Lebensformen und jenen alltĂ€glichen AblĂ€ufen, in denen alle anderen Zeitgenossen ihr Leben ja auch nicht anders leben als wir. Obgleich es uns nicht glĂŒcklich macht, bleiben wir gefangen in Konsumterror und Social-Media-Sucht, in zunehmender sozialer Isolation und in der harten RationalitĂ€t der modernen Arbeitswelt.

Diese Moderne – manche sagen auch SpĂ€tmoderne – macht es uns nicht leicht. Aber bedenken wir: DurchgĂ€ngig einfach, ĂŒbersichtlich und unbeschwert war es in keiner Zeit. Ein ruhiges Leben ohne existentielle Herausforderungen gibt es weder fĂŒr uns noch gab es das fĂŒr unsere Vorfahren.

Und was soll man in Anbetracht dieser Einsicht tun? Gestern wie heute suchen Menschen nach Orientierung, nach Halt und nach Überzeugungen, denen sie treu bleiben können. Sie wollen sich ausrichten auf Werte, die moralisch nachvollziehbar sind und sich bewĂ€hrt haben. Aus diesem Grund blicken sie oft in Vergangenheit und Geschichte. Wie hat man das frĂŒher gemacht? Welche Fehler sollte man nicht wiederholen? Was kann man vielleicht in Gegenwart und Zukunft ausprobieren?

Nicht alle Menschen aber können und wollen in Bibliotheken und Archive gehen, um Antworten auf diese Fragen zu finden. Nicht alle lesen geisteswissenschaftliche BĂŒcher, vertiefen sich in Ausstellungen oder hören in VortragssĂ€len Abhandlungen zu Geschichte, Philosophie oder Religion. Ihnen erscheinen diese Vermittlungsformen höherer Erkenntnis und die Orte, an denen sie angeboten werden, als zu wissenschaftlich und sie empfinden eine gewisse Barriere, sich ihnen zu nĂ€hern. Das ist nur allzu verstĂ€ndlich, wenn man sich die verkopfte Sprödigkeit vieler dieser Angebote vor Augen hĂ€lt.

Das offenste und zugleich lebendigste Archiv dieser Welt, das Informationen ĂŒber das Leben von Generationen im Kontext ihrer LebensumstĂ€nde speichert, das die Werte, Rituale und Symbole der Vergangenheit aufbewahrt und dass sich ohne lange Recherchen und Berechtigungsabfragen jedem zeigt, also jener Vermittlungsraum, in dem man zu Religion, Kultur, Wirtschaft und Politik unglaublich viel erfahren kann, in dem von Liebe und Leid, von Krieg und Frieden, von Reichtum und Armut gleichermaßen berichtet wird, der ĂŒber die Gesellschaft von den fernsten Zeiten bis in die unmittelbare Gegenwart erzĂ€hlt – und das tagesaktuell, ist: der Friedhof.

Friedhöfe sind die öffentlichen Kulturspeicher der Menschheit und ihre AuthentizitĂ€t verbĂŒrgen die Menschen mit sich selbst. Friedhöfe sind jeden Tag geöffnet, verlangen keinen Eintritt und zeigen, was immer Menschen der Vergangenheit und Gegenwart gestalten und fĂŒr die Nachwelt als Botschaft bereithalten wollen. Wie jemand gelebt hat, als Familienmitglied, als berufstĂ€tiger Mensch, als BĂŒrger in seiner politischen Gemeinschaft, als Angehöriger einer Weltanschauung, als GlĂ€ubiger, als Streiter fĂŒr eine Sache, als Opfer von Gewalt oder erfolgreicher Gestalter der Welt – kein PhĂ€nomen und keine gute oder schlechte Erfahrung, die der Friedhof nicht aufbewahrt. Über alle großen und kleinen Dinge, die ein Menschenleben bewegen, erfahren wir dort etwas. Sogar ĂŒber die allerletzten Dinge, also darĂŒber, ob Menschen ein Jenseits und ein Vorseits annehmen, worauf sie hoffen nach ihrem Leben – fĂŒr die zurĂŒckbleibende Welt wie auch fĂŒr das, was mit ihnen geschehen wird.

Und das ist alles kein Zufall: der Friedhof ist ein endgĂŒltiger Ort, ein Ort der UnverĂ€nderbarkeit und der letzten Botschaften. Wann, wenn nicht mit Blick auf den eigenen Tod und den Ort, wo dieser besiegelt wird, sollte man sich zu diesen letzten Dingen des Lebens Ă€ußern? Wo, wenn nicht dort, kann man ohne Scheu sagen, was man zu sagen hat, wie man sich und die anderen sah? Der Friedhof ist kein Ort der Ehrlichkeit. Auf Grabsteinen wird gelogen wie anderswo auch. Der Friedhof ist und bleibt ja in unserer Welt. Aber, er ist oftmals ein Ort der PrĂ€gnanz. Grabanlagen und ihre schriftlichen Aussagen verdichten sich vielfach zu einem Credo – ganz gleich, ob dieses wahrhaftig oder unehrlich ist. Auf dem Friedhof muss man auf den Punkt bringen oder man lĂ€sst es – fĂŒr immer. Die Frage aber, ob jemand tatsĂ€chlich stets ‘treusorgend’, ‘opferbereit’, ‘gottesfĂŒrchtig’, ‘liebevoll’ oder ‘arbeitsam’ war, wie es auf seinem Grabstein gewissermaßen als biografische Summe vermerkt wurde, verweist auf den Unterschied zwischen Selbstsicht und Fremdwahrnehmung. Vor einem Grab zu stehen, seine eigene Beziehung oder Nicht-Beziehung zu den Toten zu bedenken und sich ein Urteil ĂŒber deren SeriositĂ€t oder Unredlichkeit zu machen, ist bereits Teil jener Orientierungsarbeit, die wir als geschichtliche Wesen stĂ€ndig betreiben. Welchen Werten wollen wir folgen? Was ist uns wichtig im Leben? Bei wem fĂŒhlen wir uns zu Hause?

Dieses Nachdenken und Urteilen ĂŒber die Toten betreiben wir ganz unwillkĂŒrlich, weil uns als Menschen ausmacht, dass wir die Zeiten ĂŒberspringen können und auch wollen. Wir sind eben nicht gefangen in einer jeweiligen Gegenwart, in der Enge des Jetzt und Heute, sondern wir verorten uns auch in Vergangenheit und Zukunft – in einer Vergangenheit aus der wir kommen und einer Zukunft, auf die wir uns ausrichten. Zeitliche Wesen zu sein, macht uns aus.

Indem wir nach unseren Vorfahren suchen und uns mit ihnen befassen, verlieren wir die gegenwĂ€rtigen Ängste – gerade dann, wenn wir die Fragen danach, wer wir sind und was das mit uns und um uns eigentlich alles soll, nicht mit voller Sicherheit beantworten können.

Und so gibt bereits die Tatsache, dass wir in unserer Gegenwart auf dem großen Berg jenes schon vor uns gelebten Lebens stehen und entscheiden können, wie es weitergeht, Trost und Kraft.

Inmitten unserer stĂ€dtischen oder dörflichen Gemeinschaften finden wir ĂŒberall die offenen Archive, die Friedhöfe. Wir können sie betreten und in einer humanen landschaftlich-rĂ€umlichen Umgebung ĂŒber uns und unser Leben nachdenken.

In Altenburg schlendern wir dann unter großen BĂ€umen, die uns zu behĂŒten scheinen, bei unserem Gang durch das Archiv des Lebens und die, indem sie das Sonnenlicht im Wiegen der Windes ab und an durch das dichte BlĂ€tterdach auf uns und die GrĂ€ber neben uns funkeln lassen, orientierende Erkenntnisse wie selbstverstĂ€ndlich fördern.

Der Friedhof, zumal der große, parkĂ€hnliche Friedhof in Altenburg mit seinen Bauten, die wie Mahnmale aus der Vergangenheit in die Gegenwart reichen, ist ein analoger Ort schlechthin. Das ist wichtig zu wissen in einer digitalen Welt, die uns nicht selten absichtsvoll in der kurzatmigen Hast der Gegenwart fesseln will, die uns abhĂ€ngig macht und entfremdet von unserer sozialen und historisch gewachsenen Gemeinschaft. Gegen das daraus fließende GefĂŒhl der Ausgeliefertheit steht der Friedhof als komplexer analoger Ort der RĂŒckversicherung. Er stellt uns in Gestalt der Botschaften unserer Vorfahren jenen in uns steckenden Lebens- und Überlebenswillen wieder vor Augen, der uns im Alltag zu oft verloren geht.

Der Friedhof ist somit eben kein Fremdkörper in unserer Existenz, der grĂ€ssliche Antipode des irdischen Daseins. Vielmehr steht er als “Schatzhaus des Lebens” auf unserer Seite und kann uns stĂ€rken, wenn wir uns den AnwĂŒrfen des Lebens entgegenstellen, wenn wir uns dem Schlechten entziehen, weil auch unsere Vorfahren, derer wir uns auf dem Friedhof versichern, dies schon taten. Wir bleiben selbstbestimmt, auch wenn uns der Tod begegnet, denn die Verstorbenen, also unsere Verwandten, und deren Freunde, all die Vorbilder und Helden, die Opfer und Versager, die TĂ€ter und die KĂ€mpfer der frĂŒheren Jahrhunderte stehen hinter uns. Zusammen mit ihnen bilden wir eine Phalanx, die es mit dem Leben aufnehmen kann.

Zögern Sie also nicht. Kommen Sie zum Friedhof Altenburg – einem der Ă€ltesten, grĂ¶ĂŸten und vielfĂ€ltigsten ThĂŒringens und sicher auch ganz Deutschlands. Besuchen Sie das reichhaltige Archiv des Lebens. Es wendet sich Ihnen in Gestalt eines Landschaftsparks freundlich zu.